Als ich vor zwei Jahren nach einer Werbekampagne unter dem obigen Motto dem Seemanns-Chor Nürnberg beigetreten bin, habe ich mir über viele Dinge keine großen Gedanken gemacht. Ich habe nach einem neuen Hobby gesucht. Seemannslieder mochte ich schon immer: diese Mischung aus Sehnsucht nach dem Meer, Pathos und ein bisschen Hafenromantik.
Mit der Zeit – und nicht zuletzt durch hitzige Diskussionen im Chor – ist mir eine Frage immer wichtiger geworden: Wie gehen wir eigentlich mit den Geschichten und Bildern um, die in diesen Liedern stecken?
Seemannslieder gehören zu einer langen maritimen Tradition. Sie erzählen von Fernweh, harter Arbeit, Heimweh und Hafenromantik. Aber sie stammen auch aus Zeiten, in denen koloniale Weltbilder, rassistische Zuschreibungen und sexistische Rollenverständnisse gesellschaftlicher Alltag waren. Diese historischen Kontexte lassen sich erklären – die Frage ist nur, wie man heute mit ihnen umgeht.
In solchen Diskussionen wird „Kultur“ erstaunlich oft als etwas Monolithisches dargestellt: als ein Erbe, das entweder vollständig bewahrt oder zerstört wird. Doch schon ein Blick in das tatsächliche Repertoire vieler Shantychöre oder Bands mit maritimem Einschlag zeigt, dass dieses Bild nicht stimmt.
Neben klassischen Shantys finden sich längst Schlager, neuere Kompositionen und Stücke, die eher das Gefühl von Meer und Sehnsucht transportieren als historische Seefahrt. Niemand empfindet das als Traditionsbruch. Kultur erweitert sich – ganz selbstverständlich.
Ich selbst habe zwei Jahre lang – meist mit großer Freude – im (gemischten) Seemanns-Chor Nürnberg gesungen. Die Gemeinschaft, die Energie, das gemeinsame Singen und Musizieren – all das hat mich begeistert. Gerade deshalb ist mir die Frage, wie wir im Chor mit problematischen Inhalten umgehen, immer wichtiger geworden.
Umso auffälliger ist es, wenn ausgerechnet bei solchen Fragen plötzlich ein anderes Kulturverständnis bemüht wird. Dann erscheint Tradition als etwas Unantastbares. Texte aus Zeiten kolonialer Selbstverständlichkeiten sollen unverändert weitergetragen werden – gerade weil sie alt sind.
Doch Tradition ist nie neutral. Sie ist immer das Ergebnis von Auswahl. Jede Generation entscheidet neu, was sie weiterträgt – und in welcher Form.
Die eigentliche Enttäuschung liegt für mich nicht im Konflikt selbst, sondern in der Ent-Täuschung: dem Moment, in dem ich begriffen habe, dass das gemeinsame Wertefundament, von dem ich ausgegangen war, vielleicht nie so selbstverständlich war, wie ich dachte.
Was ich erlebt habe, passt in ein größeres gesellschaftliches Muster. In vielen Bereichen zeigt sich derzeit ein rechtskonservativer Gegenreflex auf kulturellen Wandel. Kritik an überlieferten Bildern wird schnell als Angriff verstanden, Veränderung als Bedrohung. „Tradition“ wird zur Schutzformel.
Doch die Lust am Seemannslied hängt für mich nicht an diskriminierenden Bildern. Sie lebt von Melodien, Rhythmus und Gemeinschaft. Sie braucht keine alten Weltbilder, um lebendig zu bleiben. Und sie darf umgekehrt auch nicht zum Vehikel werden, um diese überholten Weltbilder wieder lebendig werden zu lassen.
Für mich persönlich hat dieser Konflikt Konsequenzen gehabt. Nach zwei Jahren im Seemanns-Chor Nürnberg habe ich mich entschieden, auszutreten. Nicht aus Groll, sondern aus der Einsicht, dass ich meine Haltung nicht relativieren möchte, um weiterhin mitzusingen.
Die Lust am Seemannslied bleibt. Nur muss sie sich eine neue Bühne suchen.
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Die Lust am Seemannslied
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2024 – ein kleiner Rückblick
Hui, schon wieder zog ein ganzes Jahr ohne Nachricht auf diesem Blog ins Land. Dabei war 2024 durchaus kein ereignisloses Jahr mit zwei Urlauben und einem neuen Hobby(!).
Schon Ende 2023 entdeckte ich in „unserem“ Rewe eine Postkarte mit der Aufschrift „Die Lust am Seemannslied: 6 Proben – 1 Auftritt“ des Seemanns-Chores Nürnberg – und meine Neugier war sofort geweckt. Ich war sowieso auf der Suche nach einem neuen Hobby, hatte sogar eine Zeitlang mit dem Gedanken gespielt, mich einer Pen-and-Paper-Rollenspielgruppe anzuschließen, was sich dann aber irgendwie nicht fand.
Nachdem ich beim ersten der sechs Proben-Termine des Seemannschors keine Zeit hatte, stieß ich erst bei der zweiten Probe 2024 zum Chor – und wurde dort wie alle Interessenten herzlich aufgenommen. Der erste Auftritt von vielen folgte dann bereits am 6. März zur Eröffnung der Laufer Fischtage – ein für mich zuerst skurriles, aber durchaus unterhaltsames Erlebnis. Auch die ersten Soloeinsätze folgten bald, wobei wir uns hier zu zweit unterstützten, also streng genommen nicht ganz „solo“. Es handelte sich um den Song „Californio“ der mit bis dahin eher nur vom Namen her bekannten Band Santiano. Im Oktober durfte ich dann zum ersten Mal ein echtes Solo mit dem Lied „Papa, warum bist du Seemann?“ zum Besten geben.
Auch 2025 wird es wieder viele Auftritte mit dem Seemannschor geben, ein besonderes Highlight soll der Ausflug zur „SAiL Bremerhaven 2025“ vom 13. – 17. August 2025 werden.
Die beiden erwähnten Urlaube letztes Jahr führten einmal an die Ostsee, genauer gesagt nach Schleswig an der Schlei und zum zweiten per InterRail nach Italien. Mal schauen, wann ich hierzu noch was schreibe.